erstellt am: 01-29-2006 11:17 AM
Hallo Früchtchen 
beantworte Dir die Frage selber! Ebenso kannst Du fragen "was ist ein guter Arzt?", "wer ist ein guter Lehrer?" etc.
Die Hauptresource in den Berufen liegt im Menschen, seinem Auftreten, seinem Benehmen, seiner Einstellung gegenüber des gewählten Berufswegs.
Man muss sich bewusst sein, dass man in einem Team arbeitet, dass man Menschen führen können muss, als Beispiel vorangehen können muss und repräsentieren kann. Ebenso muss man folgen können, denn in einem Team gibt es nicht nur Führende und Folger, es ist ein fließender Zustand.
Man muss vorausschauend sein, aber dazu gehört nicht nur das fliegerische Voraussehen, sondern auch das positive Denken, das beste aus einer Situation zu machen. Das färbt dann oft auch auf das normale Leben ab. Und wieder ist es ein Teil des Führen-Könnens, auch dieser Teil gehört dazu. Lead by example! Nicht das Piloten-übliche ewige Motzen.
Ebenso muss der Punkt gefunden werden können, wann der Schnitt kommt, eine "negative" Entscheidung getroffen werden muss. Es nützt nichts, bestimmten Dingen hinterher zu jagen, wenn es keinen Sinn mehr macht. Fliegerisch ist das einfacher, als ein Leader im Team. Geschweige denn im Leben. Aber gerade da ist es gefragt!
Korrektes Auftreten, man muss wissen, wann Diplomatie angebracht ist, und wann Direktheit. Außenwirkung als Stichwort ist kritisch.
Usw. und so fort. Die Liste lässt sich lange fortsetzen. Sie ist für einen Piloten in den Details unterschiedlich, aber genaugenommen betrifft es alle Berufe mit höherem Anspruchsprofil. Eigentlich alle Berufe, eben mit den entsprechenden Vorzeichen.
Wem begegne ich heute aber so oft? Im Grunde dem Gegenteil des Beschriebenen. So kenne ich Leute, die sich noch nicht einmal darüber Gedanken gemacht haben, wo ihre Schwächen liegen, bevor sie sich irgendwo bewerben. Da fängt's an und es hört selten kurz danach auf.
Und in Cockpits mit erfahrenen Leuten sitzen immer mehr, die von ihren Vorgesetzten Achtung verlangen, während sie noch nicht einmal die einfache Aufgabe hinbekommen, einem Kollegen oder Kollegin - geschweige denn einem Kunden gegenüber - Respekt zu zollen. Das ist eine Gleichung aus dem Gleichgewicht.
Für mich als Summe: Ein guter Pilot ist einer, der nicht der Spaßgesellschaft entspringt ist, der führen kann, Demut, Kompetenz, Aufrichtigkeit, gesunden(!) Stolz und Persönlichkeit mit sich bringt. Das alles kann mit Individualität verziert sein, aber es stellt sich schnell heraus, wenn das Gesamtbild nicht stimmig ist.
So einfach ist das. Oder so schwer. Aber es geht nicht, ohne sich anzustrengen, an sich zu arbeiten, alte und manchmal auch neue Werte anzuerkennen und zu praktizieren. Man weicht mal davon ab, mal entspricht man diesem Ideal mehr, es ist ein Auf und Ab, es ändert sich ständig durch's ganze Leben. Nur eins steht fest: Sobald man meint, es erreicht zu haben, geht man rückwarts und wird schlicht schlechter.
Wo als ist der Unterschied zu einem guten Arzt, Lehrer, Ingenieur? Frage beantwortet?